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Der große Suchende
(Fuldaer Zeitung)

Die geretteten Bilder eines Fuldaer Künstlers

Ein verlorener Sohn kehrt heim nach Fulda: Egon Knapp, einer der eigenwilligsten Künstler der Domstadt, wird in einer Sonderausstellung des Vonderau-Museums geehrt. Zur Eröffnung der Schau drängten viele Fuldaer. Sie wollten den Mann, über den man schon so viel gelesen hatte, verstehen lernen. Knapp wäre in diesem Jahr 90 Jahre alt geworden.

Knapp, erklärte Museums-Chef Frank Verse, schwankte „die meiste Zeit seines Lebens zwischen seinen künstlerischen Ambitionen und der finanziellen Absicherung seiner Familie“. Am Ende sei er daran zerbrochen.

1934 wurde Knapp in Fulda geboren; die prägende Zeit für ihn – „das große Jugenderlebnis“, wie der Laudator Klaus Becker das nannte – waren die 50er und 60er Jahre. Damals freundete er sich mit anderen Kunst-Interessierten an, unter anderem mit dem später so viel berühmteren Franz Erhard Walther. „Im bürgerlichen Mief der Adenauerära, der Wiederaufbau- und Wirtschaftswunderzeit, abgeschnitten von den intellektuellen Zentren, fand man in der modernen Kunst oder in der Jazzmusik die Freiheit des Andersseins“, sagt Klaus Becker.

Die Stationen in Knapps wildem Leben: Er beginnt eine Lehre als Mechaniker bei Karl Schmitt, dem Konstrukteur des Fuldamobils. Bricht die Lehre ab, um sich ganz seiner Leidenschaft zu widmen und studiert, ab 1957, an der Werkkunstschule Offenbach. 1958 zählt er zu den Gründungsmitgliedern des Jungen Kunstkreises – damals allerdings hat er bereits sein zweites Leben begonnen: Um seine Frau Tilly und die Familie ernähren zu können, verdingt er sich als Grafiker im Werbeatelier von Neckermann in Frankfurt. 20 Jahre lang, bis 1979, arbeitet Knapp erfolgreich bei großen Werbe-Agenturen – bis schließlich endgültig seine künstlerische Leidenschaft die Oberhand gewinnt.

„Die Freundschaft mit Egon Knapp“, notierte Franz Erhard Walther 1960, „ist von Dauer, obgleich wir mittlerweile in verschiedenen Welten leben.“ In der Freizeit, schreibt Walther, „kämpft er um die Kunst“. Manchmal besuchte er Knapp in Frankfurt; es waren lange Abende, an denen Frau Tilly zwischendurch Essen servierte – aber eigentlich wurde Stunde um Stunde über die Kunst diskutiert. Walther: „Da spätnachts keine Straßenbahn fährt, schlafe ich bei Knapps, mit Getränken gut versorgt.“

Knapp steigt aus aus dem bürgerlichen Leben. Die Familie zerbricht – und er wird „zusehends sonderbarer“. Nennt sich „Stadtindianer“, rutscht in die Armut, trinkt – mühsam hält er sich mit Bilderverkäufen an alte Freunde über Wasser. Im Mai 2015 beendet er sein verzweifeltes, wildes Leben.

Zurück blieben hunderte von Bildern, die er in seiner Zwei-Zimmer-Wohnung in Sachsenhausen gehortet hatte. Knapps Verwandte wollten mit seiner Kunst nichts zu tun haben; die Vermieterin, die alles in Müllcontainern entsorgen lassen wollte, machte einen letzten Versuch und wandte sich an die alten Fuldaer Freunde. Rita und Pedro Herzig eilten nach Frankfurt und retteten die Gemälde vor der Abfallwirtschaft.

Das war eine segensreiche Tat, wovon man sich bei der Ausstellung im „Vonderau“ überzeugen kann: eine wilde Sammlung, die wie die Werkschau eines wilden Lebens wirkt. Noch zu sehen bis zum 30. Juni. Etliche Arbeiten kann man auch kaufen, und an der Museumskasse gibt es einen schönen Katalog: Egon Knapp 1934/2015, 7,50 Euro.

 
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Zeitungsauschnit der große Suchende über Egon Knapp
Bildtitel: Der große Suchende (Fuldaer Zeitung, 24. April 2024)
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